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Überblick zur
Entwicklung des deutschen Kinder- und Jugendbuches

Die hier dargestellte Entwicklung folgt im Wesentlichen der Systematik, die im Standardwerk von Irene Dyhrenfurth: "Geschichte des deutschen Jugendbuches" (Atlantis Verlag,  Zürich u.a., 1967) gewählt wurde.
An entsprechender Stelle weisen Links zu Büchern unserer Bücherkiste.

1. Frühzeit

Der Beginn von Kinder- und Jugendliteratur ist im Zusammenhang mit der Entwicklung der Jugendbildung zu sehen. Das gemeine Volk konnte ja im Normalfall bis zum 14. Jahrhundert weder lesen noch schreiben. Zu der Zeit entstand in den Städten das Bedürfnis, Kinder in Zucht zu nehmen, "damit sie nicht müßig und auf den Gassen umlaufen, sondern bei und neben den anderen Knaben Zucht lernen und des kundiger und geschickter werden, etliche, daß sie schreiben und lesen lernen, etliche, daß sie gelahrt und geistlich möchten werden" (aus einer Nürnberger Verordnung). So entstanden private Elementarschulen, die von Personen, die sich dafür geeignet hielten, geführt wurden.

Erste "Fibeln" waren die sogenannten ABC-Büchlein, bei denen neben den Laut ein passendes Bild gesetzt wurde (z.B. A = Affenbild). Die Inhalte waren immer in Verse gesetzt. Die Inhalte waren zunächst kirchlicher Art, wobei die ADC-Büchlein - die sich bis ins 19. Jahrhundert hielten - natürlich eine Entwicklung mitmachten.

 

2. Humanismus und Reformation

Erstmals traten individualistische Erziehungsziele in den Vordergrund verbunden mit humaner Erziehung der Jugend: Liebe und Freundlichkeit statt Strafe.

Religiöse christliche Inhalte:

Im 16. Jahrhundert waren Hauptlesestoffe die Bibel, der Katechismus sowie das Gesangsbuch. Das blieb auch ziemlich lange so. Entsprechend gab es seit dieser Zeit immer wieder Bibelbearbeitungen für die Jugend. Zunächst gab es erste Lutherbibeln in vielen Haushalten. Es gibt viele Beispiele für die Methoden der christlichen Unterweisung für Kinder:
siehe Luther-Veröffentlichungen unter Kinderbücher - Schule - Religion.

Fabeln:

Fabeln wurden schon früh als brauchbarer Lesestoff für die Jugend entdeckt.
siehe Tiere - Fabeln und Tiermärchen und Tiergedichte.
Dabei gab und gibt es auch diverse Bearbeitungen speziell für die Jugend: in erster Linie ist hier die berühmte Fabelsammlung von Paul Hey: Fabeln für Kinder mit den hervorragenden Illustrationen von Otto Speckter (siehe auch im Illustratorenverzeichnis unter "Speckter") zu nennen.

Zuchtbüchlein:

Neben den religiösen Stoffen für Kinder sowie den Fabeln traten zur Zeit der Reformation kleine Büchlein auf, die weniger unterhaltenden, sondern erzieherischen Wert haben sollten. Die Anstands- oder Zuchtbüchlein hielten sich bis ins 20. Jahrhundert und zeigten jeweils den Zeitgeist einer Epoche: wir können hier in erster Linie das Buch: Lebensbilder für jung und alt oder edle, sittliche Grundsätze für den häuslichen Kreis  nennen  sowie Kinderherz und Kindersinn  mit entsprechenden belehrenden Geschichten.

Ritterromane:

Obwohl sicherlich nicht für die Jugend geschrieben, ist die Gattung der Ritterromane bei dem begrenzten Lesegut der Reformationszeit zu nennen. Die speziell für die Jugend geschriebenen Werke betonten vor allem, dass die "ritterliche" Tüchtigkeit noch kein Garant für Tüchtigkeit sein konnte. So gab und gibt es z.B. diverse Bearbeitungen von Cervantes: Don Quixote für die Jugend.
siehe Märchen und Sagen - nach Regionen - Rittersagen.
siehe auch Märchen und Sagen - Schelmenmärchen.

 

3. Der "Orbis Pictus" von Comenius

Bis zum 17. Jahrhundert gelang es trotz der Anregungen von Luther auch nicht im Ansatz, ein pädagogisch gestaltetes Jugendbuch zu erstellen. Es ging in den Schulen nur um Eintrichtern primitivsten Lehrstoffes durch schlecht ausgebildete "Lehrer". Die Wirren des 30jährigen Krieges (1618-1648) taten ein übriges, dass es Ansätze zu einer Jugendliteratur, die dieses Wort verdienen, bis dahin nicht gab. Einen Meilenstein in der Entwicklung der gesamten Pädagogik setzte Johann Amos Comenius, dessen Buch "Informatorium der Mutterschul" 1633 in Deutschland erstmals veröffentlicht wurde. Die praktisch-pädagogischen Gedanken von Comenius wirken durchaus modern, waren zur damaligen Zeit revolutionär: Schulen sollten in luftige, freundliche Räume gelegt werden, Wände sollten mit Bildern geschmückt werden, die Jugend sollte mit Liebe und Freundlichkeit erzogen werden - alle Stände, Jungen und Mädchen. Im Orbis Pictus erfolgt die Zuordnung der alphabetischen Reihenfolge der Laute zu Tierbildern (wie bei den bis dahin gebräuchlichen ABC-Büchlein). Danach erklärt Comenius den Makrokosmos (Gott, Welt und Himmel); darauf folgt die Behandlung der konkreten Gegenstände des täglichen Lebens; schließlich gibt es am Ende eine Art "Sittenlehre". Comenius macht die Bilder zum Prinzip seiner Arbeit. Die Schrift wurde sehr verbreitet und hatte viele Nachkommen - bis hin zu den Kinderlexika der Gegenwart.

 

4. Das Jugendbuch in der Aufklärung im 18. Jahrhundert

Die 1774 von Johann Bernhard Basedow in Dessau gegründete Musterschule markiert in etwa den Durchbruch des individuellen Prinzips in der Erziehung. Die Aufklärung forderte den Einzelnen zur Bedienung seines eigenen Verstandes auf und lockerte damit natürlich auch die strenge Doktrin der herrschenden Kirche. Basedow verfaßte sein bekanntes "Elementarwerk" mit den berühmten Illustrationen von Chodowiecki (1770).

Der bekannteste Jugendschriftsteller seiner Zeit war zweifellos Joachim Heinrich Campe, der mit seinem "Robinson der Jüngere" (1779) der Kinderbuchliteratur einen wichtigen Beitrag schuf. Der Robinson von Daniel Defoe war 1719 in England erschienen. Der Campe-Robinson  wurde ein lebenspraktisches Buch für die Jugend: mit Verstand und bloßen Händen konnte dem Kind gezeigt werden, wozu der Mensch in der Lage war. Insofern war das Robinson-Motiv ideal für Campe pädagogische Zwecke.
siehe die diversen Bearbeitungen des Robinson.
Campe verfasste ganz bewußt Bücher für verschiedenen Altersstufen, was bis dahin ein völliges Novum war.

Zu dieser Zeit kamen auch die ersten Kinderwochenschriften heraus, die zunächst als Beilagen von Familienzeitschriften erschienen. Hier ging es um die Gestaltung des Familienlebens. Meist aber handelte es sich um oberflächliche und zusammenhanglose Tagesneuigkeiten oder Kenntnisse der Naturwissenschaften, die an das Kind gebracht werden sollten.
siehe die verschiedenen Kategorien der alten Heftserien für Kinder.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Zweckdichtung der Aufklärung den Wert von Märchen als Stoff für die Kinderliteratur ablehnte, weil es törichter Aberglaube sei.

 

5. Das Jugendbuch in der Zeit der religiösen Erweckung (ab Anfang des 19. Jahrhunderts)

Eine Welle von Pietismus flutete nach den Kriegen gegen Napoleon durch Deutschland. Man kritisierte, dass man der Jugend in der Aufklärung nur eine abstrkte Tugend als Ideal vorgehalten habe. Die Jugendliteratur stand jetzt im Zeichen ausgeprägter christlicher Frömmigkeit und Prüderie. Wir unterscheiden verschiedene Kinder- und Jugendbuchkategorien in dieser Zeit:

Mädchenbücher:

Hier wurde das Bestreben deutlich, die Frau wieder mehr für ihre häuslichen Pflichten zu interessieren. Bezeichnenderweise nahmen sich Pastoren dieser Zeit des Mädchenbuches an. In diversen Abwandlungen wurde das ideal eines heranwachsenden Mädchens deutlich gemacht. Hervorstechende Eigenschaften: Edelmut und Wohltätigkeit, Sanftmut und Treue, Duldsamkeit und Ergebung, Frömmigkeit und christliche Nächstenliebe, Bildung des Herzens und des Verstandes.
siehe die vielen Ausgaben der älteren Jungmädelliteratur.

Vaterländische Jugendschriften:

Hier ist in erster Linie Christoph von Schmid zu nennen, der mit seinen Geschichten - vor allem mit Rosa von Tannenburg (1820) - großen Erfolg hatte. Er war einer der ersten Schriftsteller, der zu großen Massen des Volkes vordrang. Das Geheimnis seines Erfolges: er putzte häufig den Stoff einer Legende romantisch auf - kommt sofort zu einer Handlung, die meist mit einem Unrecht oder einem Unglücksfall beginnt - die auftretenden Personen sind gut oder böse - zunächst triumphiert das Böse - treue Standhaftigkeit und die Hilfe Gottes führen schließlich zu Friede und Glückseligkeit bei den Guten.
siehe die vielen Ausgaben von Christoph von Schmid in unserer Bücherkiste.

Zu dieser Zeit erschienen auch viele Geschichten für Kinder von Johann Peter Hebel, von dem schon weiter oben bei den "Biblischen Geschichten" die Rede war. Er schrieb sehr kindgerecht. Hier einige Beispiele aus unserer Bücherkiste:
siehe die Sammlung vieler kleiner Geschichten von Johann Peter Hebel  bei den Heftreihen für Kinder.
siehe auch das Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes von Hebel.
siehe die Geschichte seines Lebens bei den LUX-Lesebogen für Kinder.

Sagen und Märchen, Volksbücher und Kinderlieder

Die Romantiker waren scharfe Gegner der realen Kinderbuchliteratur der Aufklärungszeit und setzten Märchenerzählungen dagegen. Beispielhaft sei hier der Dichter Clemens von Brentano genannt. Er war einer der bekanntesten Märchenerzähler dieser Zeit. Auch in der Bücherkiste haben wir Einiges von ihm:
siehe Märchen von Brentano in der Kategorie  Märchen und Sagen.
Natürlich sind hier in erster Linie die Brüder Grimm zu nennen, die ab 1812 die bekannten Kinder- und Hausmärchen herausbrachten. Ihr Verdienst ist es sicherlich, die vielfach nur mündlich überlieferten Märchen einheitlich neu gestaltet und in eine wunderbar einfache sprachliche Form gebracht zu haben, die den unvergänglichen Zauber und Glanz der Sammlung ausmachen. Siehe speziell unsere Märchenausgaben der Brüder Grimm:
siehe Märchen und Sagen - Einzelne Erzähler - Brüder Grimm

Um diese Zeit erschienen auch die ersten Sammlungen von Kinderliedern und -reimen, von denen wir diverse alte Ausgaben in unserer Bücherkiste haben:
siehe  Ausgaben für kleine Kinder - Reime, Gedichte, Rätsel und Lieder.

Illustriert wurden viele der Reimesammlungen und Märchenbücher vom Künstlerkreis um Ludwig Richter. Weitere bedeutende Illustratoren dieser Zeit waren Franz Graf von Pocci und Fritz Kredel; in neuerer Zeit sind die wunderbaren Märchen-Illustrationen von Ruth Koser-Michaëls hervorzuheben, die in den Märchenbuch-Ausgaben im Droemer-Knaur Verlag zu bewundern sind. Über unser Illustratorenverzeichnis gelangt man zu den einzelnen Werken dieser Künstler:
siehe im Illustratoren-Verzeichnis unter  Richter, Ludwig.
siehe im Illustratoren-Verzeichnis unter  Pocci, Franz Graf von.
siehe im Illustratoren-Verzeichnis unter  Koser-Michaëls, Ruth.
siehe im Illustratoren-Verzeichnis unter  Kredel, Fritz.
 

 

Weitere Kapitel sind in Arbeit ................

 

 

 

 

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